BZ: Wahrlich «ein gewaltiger Tag»
 
Zwar ging das Tatzen-Derby zwischen SCB und SCL in Bern über die Bühne – genau genommen wars aber ein Heimspiel der Langnauer. Diese reisten zu Tausenden an – und kehrten zufrieden heim. Trotz Niederlage.
 
 «Das ist ein gewaltiger Tag», sagt Mario Schöni. «Zuerst assen wir», er zeigt auf die SCL-Fans neben ihm, «gemeinsam ein Fondue.» Dann gings im Zug nach Bern, und nun steht die Gruppe im Stade de Suisse.
 
Auf seine Wangen hat Schöni «100% Tigers» gemalt, an den Füssen trägt er wie immer Holzzoccoli. Nach Lust und Laune zieht er sie aus, schlägt sie im Rhythmus zusammen – in Langnau wird er deshalb «Zöggeler» genannt. «Und weisst du was?» Nein. «Das Beste kommt erst noch.» Der Match nämlich. Wenn die Tigers gewännen, dann werde er bestimmt nicht im Zug nach Hause gehen, sondern zu Fuss.
 
Tausende Emmentalerinnen und Emmentaler sind gestern in Extrazügen nach Bern gereist. Viele von ihnen zuversichtlich – «heute schlagen wir den SCB zum ersten Mal» –, andere wissen: «Die Statistik spricht gegen uns.» Und doch hoffen auch sie auf einen Sieg: «Der würde wohl für immer in Erinnerung bleiben», sagt Bernhard Berger, der in Konolfingen zusteigt.
 
«Absolut sensationell»
 
Schon vor der Türöffnung ist die Menschenmasse vor den Eingängen des Stade de Suisse gewaltig. Die Besucher mit Stehplatztickets wollen einen Platz mit guter Sicht ergattern. Melanie Jörg ist es gelungen: «Ich bin positiv überrascht, wie gut man aufs Eisfeld sieht», sagt sie während des Vorspiels mit ehemaligen Eishockeygrössen und anderen Prominenten.
 
Auf dem freien Rasen hinter dem Eisfeld rollen SCL-Tigers-Fans den rot-gelben Riesenschal aus, an dem das halbe Emmental gestrickt hat. Sie rollen. Rollen. Rollen fast ohne Ende. Edy Reist, der Heimweh-Emmentaler, der nun in Unterägeri wohnt und die Strickaktion initiierte, tigert nervös herum, gibt Fernsehinterviews – bis Fanclub-Präsident Hanspeter Wyss via Grossleinwand bekannt gibt: Der Schal ist 1347 Meter lang geworden.
 
«Absolut sensationell», kommentiert Wyss und strahlt übers ganze Gesicht. Das hämische Spruchband der Berner Fans – «Wurde euer Schal genügend lang, damit er eure Playout-Tränen trocknen kann?» – tut der Freude keinen Abbruch. Das Riesenhalstuch werde nun vorerst «archiviert», berichtet Edy Reist. Was später mit ihm passiere, sei noch nicht entschieden. «Es existieren mindestens schon zehn Ideen.»
 
Farbige Bänder und Blätter auf Berner Seite, gelbe Fähnchen und rote Ballone in den Sektoren mit den Langnau-Fans: Als die beiden Teams einlaufen, herrscht Hühnerhautatmosphäre. «Vermutlich hat es etwas mehr Berner im Stadion», sagt Adrian Blum, der SCL-Fan sei, seit er denken könne. «Aber es ist toll, dass ein solch kleiner Klub wie Langnau einen solchen Event auf die Beine gestellt hat.» Und es sei «schön, dass SCB- und Tigers-Fans so friedlich nebeneinander sitzen».
 
Geschichte geschrieben
 
Eines haben beide Fanlager gemeinsam: Mehr als ein Drittel lang warten sie aufs erste Tor. Sie kauen Fingernägel, rutschen nervös auf den Sitzen hin und her – oder schauen entspannt ins weite Rund des Stadions. Denn hier wird Geschichte geschrieben: 30076 Zuschauer, das ist Europarekord. Entsprechend haben sich Journalisten aus dem halben Kontinent zu diesem Match angemeldet.
 
«Europa zu Gast»
 
Das Spiel nimmt seinen Lauf. Zuerst gehen die Berner in Führung, die Langnauer gleichen zwar aus, verlieren am Schluss aber doch 2:5. «Klar hätte ich mir einen Sieg gewünscht», sagt Heinz Gerber aus Grünenmatt, «und doch gehe ich mit einem Lächeln nach Hause.» Denn an diesem Tag war «Europa zu Gast im Emmental» – so, wie es die SCL-Fans auf ihr Spruchband schrieben.
 
Markus Zahno
Montag, 15. Januar 2007