Am Sonntag empfangen die SCL Tigers im 100. Berner Derby den SCB. Falls es regnet oder sogar schneit, werden die Spieler nass – so wie damals, in den Aktivzeiten von Alfred Lehmann & Co. Ein Blick zurück.
Alfred Lehmann blättert im Fotoalbum. «Sehen Sie: So sah es 1968 aus.» Er zeigt auf ein Schwarzweissbild, auf dem eine Hand voll Eishockeyspieler dem Puck nachjagen. Vom Himmel fallen grosse Flocken, und auf dem Eisfeld hat schon Schnee angesetzt. «Es kam vor», berichtet Lehmann, «dass auch wir Spieler zur Schneeschaufel griffen und während der Spielunterbrüche halfen, das Feld zu putzen.»
Lehmann hat die grossen Zeiten des Schlittschuhclubs Langnau hautnah miterlebt. Sein erstes NLA-Spiel absolvierte er 1963, sein 251. und letztes im Frühjahr 1976 – als der Klub Schweizer Meister wurde. Er liess den SCL auch in bitteren Stunden nicht im Stich: 1985, nach dem erstmaligen Abstieg in die NLB, übernahm Alfred Lehmann das Amt des TK-Chefs. In all den Jahren sammelte er Fotos, Zeitungsberichte und andere Erinnerungsstücke. Die Dutzenden Fotoalben, die dabei entstanden, sind noch heute in seinem Büchergestell. «Allmählich wird es Zeit, sie auf den Estrich zu stellen», sagt er. Vorher blättert er nochmals darin und blickt zurück auf die Zeiten, die am Sonntag einen Nachmittag lang wieder aufleben. Dann, wenn der SCL vor 30000 Zuschauern im Stade de Suisse gegen den SC Bern spielt.
«Das war unser Vorteil»
Das Eisfeld im Stade de Suisse wird ebenso wenig überdacht sein, wie es einst die Eisbahn Langnau war. Leute kletterten damals auf die Bäume entlang der Ilfis oder auf das Dach des alten Stalls nebenan, um die Spiele gratis zu sehen. Und zuweilen waren Regen oder Schnee so stark, dass verschoben werden musste. So auch am Bärzelistag 1967: «Wieder einmal spielte das Wetter nicht mit! Das Dach, ein grosser Wunsch, ist jedoch in nächster Zeit nicht realisierbar», schrieb Alfred Lehmann unter ein Foto von jenem Tag. 4000 Zuschauer warteten auf den Match Langnau–Visp. «Die Schneewischmaschine kurvte übers Eis, aber schon nach wenigen Minuten war von der roten und der blauen Linie jeweilen nichts mehr zu sehen», notierte das «Emmenthaler Blatt».
Manchmal war die offene Eisbahn auch ein Vorteil: Teams, die bereits in Hallen spielten, waren Wind und Wetter weniger gewohnt – und verloren in Langnau oft. «Das Schlimmste war der Regen. Dann wurde das Eis rau, der Puck war viel schwieriger zu kontrollieren», erinnert sich Lehmann.
Die Vorfreude ist gross
Die Zeiten ändern sich. Die Langnauer Eisbahn hat seit 1975 ein Dach. Aus dem familiären SC Langnau ist das Unternehmen SCL Tigers geworden. Der ehemalige Stürmer Alfred Lehmann ist mittlerweile 60-jährig und führt im Oberdorf ein Architekturbüro. Im Eisstadion sei er heute nur noch selten anzutreffen, berichtet er, und doch spürt man bald: Die Sympathie zum SCL ist geblieben. Kaum ein Zeitungs- oder Fernsehbeitrag entgeht ihm, und auch am Sonntagnachmittag wird er gebannt vor dem Fernseher sitzen. Das 100.Berner Derby im Stade de Suisse auszutragen sei eine «Superidee». «Es wird ein Eishockeyfest. Wenn Langnau gewänne, wäre das irrsinnig.»
«Auf dem Papier sind die Berner übermächtig», weiss Lehmann. «Dafür werden die Langnauer bereits vor dem Derby erfahren, dass es sich draussen ganz anders spielt als drinnen»: Während der SC Bern verzichtet, wollen die SCL Tigers nämlich im Stade de Suisse trainieren. Und am Sonntagnachmittag werden sie in den fast gleichen Leibchen einlaufen, in denen Alfred Lehmann & Co. 1976 den SCB bodigten und Meister wurden. Markus Zahno